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Barhufpflege Andreas Dold

Natural Hoof Care Böblingen


die Mustang Roll

zuletzt aktualisiert am 10.11.2016

Die sogenannte Mustang Roll hat ihren Namen zwar von den Mustangs, ist aber bei jeder Rasse von Nutzen. Es handelt sich dabei um eine Berundung der Hufwand wie Jaime Jackson sie bei wild lebenden Mustangs gesehen hat. Diese Rundung erleichtert dem Pferd das Abrollen in alle Richtungen, also nicht nur beim geradeaus laufen, sondern auch bei Richtungswechseln und Seitengängen. Außerdem verhindert die Berundung ein Ausbrechen bzw. Absplittern von Wandteilen. Und sie verhindert, dass die Wand bei jedem Schritt nach außen gezogen wird und somit die weiße Linie belasten würde. Das sind alles Vorteile, von denen nicht nur Mustangs profitieren.

Wer die Theorie überspringen will, kommt hier direkt zum praktischen Teil.

die Theorie: Kräftevektoren

Um es nicht bei der einfachen Behauptung zu belassen, dass die Mustang Roll das Ausbrechen der Wand und das Auseinanderziehen der Weißen Linie verhindert, hier die Erklärung aus der Physik. Trifft eine Kraft schräg auf eine Fläche oder einen Übergang von einem Material in ein anderes, dann kann man sie in 2 Kräfte aufteilen, wobei die Summe der beiden Kräfte der ursprünglichen Kraft entspricht. Darstellen lässt sich das mittels Kräftevektoren wie im folgenden Bild gezeigt.

Vektoren

Die ursprüngliche Kraft (schwarzer Pfeil) wird beim Auftreffen an der Objektgrenze unterteilt in eine Kraft, die senkrecht auf das Objekt wirkt (roter Pfeil) und einer Kraft, die sozusagen wirkungslos am Objekt abrutscht (grüner Pfeil). Trifft eine Kraft senkrecht auf ein Objekt, dann wirkt sie komplett auf das Objekt ein, eine Unterteilung in zwei Kräfte erübrigt sich dann.

Kräfte am plan geraspelten Huf

Betrachten wir das nun an einer Hufwand, die plan geraspelt wurde, ohne Mustang Roll. Das Gewicht des Pferdes drückt den Huf auf den Boden. Vom Boden wirkt eine entgegen gesetzte Kraft auf den Huf nach oben. Wenn diese Gegenkraft genauso groß ist, haben wir einen stabilen Zustand, d.h. der Huf sinkt nicht mehr weiter in den Boden ein. Zunächst dringt die Kraft von unten senkrecht in die plan geraspelte Wand ein, wird also nicht aufgeteilt. Sie wirkt im Wandhorn weiter, wird teils in Verformungsenergie und Wärme umgewandelt. Der verbleibende Teil tritt wieder aus der Wand aus. An dieser Austrittsstelle haben wir eine Aufteilung, einmal entlang der Hufwand schräg nach oben Richtung Kronrand (grün), und einmal senkrecht zur Wand nach außen (rot).

Hufwand mit Vektoren

Die rote Teilkraft ist dafür verantwortlich, dass die Wand nach außen gezogen wird, vom Huf weg, und damit an der weißen Linie zieht. Natürlich wirkt der Boden nicht nur genau an diesem einen Punkt auf die Hufwand. Wenn man sich beliebig viele weitere Kräftevektoren links und rechts davon denkt, dann entspricht das der Situation wenn der plan geraspelte Huf auf ebener Fläche steht. Je weiter links (an der Zehenspitze) die Kraft des Bodens eintritt, desto gefährlicher. Dort wird nur wenig der Kraft von der Wand absorbiert, sie zieht die Zehenwand fast ungedämpft nach außen, Wenn die Kraft groß genug ist, bricht die Wand an dieser Stelle aus.

Wenn der Huf auf einer planen Fläche steht, verteilt sich die Kraft auf die ganze Wand und ist an jeder einzelnen Stelle (auch an der Zehenspitze) nicht so groß, dass sie viel Schaden anrichten könnte. Tritt das Pferd auf einen Stein, dann sieht das schon ganz anders aus. Dann kann es so sein wie im Bild gezeigt: die gesamte Kraft wirkt an einem einzelnen Punkt. Je näher sich dieser Punkt an der äußeren Kante der Hufwand befindet, desto gefährlicher wird es. Ähnliches passiert übrigens auch auf hartem, ebenem Boden, wenn dieser doch nicht ganz plan ist.

Kräfte am Huf mit Mustang Roll

Beim Huf mit Mustang Roll ist der äußere Teil der Wand abgerundet.

Mustanghuf mit Vektoren

Im inneren Teil der Wand sieht die Sachlage genauso aus wie im vorigen Abschnitt beschrieben. Gefährlich sind allerdings die Kräfte, die am äußeren Rand wirken, und dort sieht es nun völlig anders aus. Die Kraft des Bodens von unten trifft nun nicht mehr senkrecht in die Wand ein, sondern trifft schräg auf die Mustang Roll. Anhand der Aufteilung in die beiden Kräftevektoren sieht man nun, dass ein Teil (grüner Vektor) praktisch an der Rundung abrutscht, während der wirksame Teil (roter Vektor) schräg nach oben in die Wand einwirkt. Je weiter außen die Kraft vom Boden kommt, desto mehr davon rutscht wirkungslos an der Rundung vorbei. Es gibt keine Wirkkraft nach außen. Die Gefahr der gezerrten Weißen Linie und der Wandabsplitterungen ist gebannt.

nur eine Theorie?

So viel zur Theorie am Zeichenbrett. Mathematiker, Physiker und Statiker werden wohl jetzt schon voll an die Mustang Roll glauben. Aber was ist mit der Praxis? Tatsächlich ist die Mustang Roll nicht aus dieser Kräftevektortheorie entstanden, sondern aus der Praxis, genauer gesagt ist es eine Erfindung der Natur. Jaime Jackson hat gesehen, dass die Mustangs, deren Hufe er direkt nach dem Einfangen untersuchen konnte, praktisch keine der uns so bekannten Probleme mit der Weißen Linie hatten. Und dass die Hufwände alle abgerundet waren. Erst aus dieser praktischen Beobachtung heraus hat man dann diese theoretischen Erklärungen abgeleitet. Und die jahrzehntelange Praxis der NHC Hufbearbeitung zeigt, dass es auch dem domestizierten Pferd hilft.

die Praxis: Mustang Roll selbst gemacht

Bei frei lebenden Mustangs muss niemand kommen um mit der Raspel eine Mustang Roll zu erzeugen. Das erledigt der Steppenboden bei jedem Schritt des Mustangs. Auch in der Pferdehaltung ist das eigentlich möglich. Das erfordert allerdings Böden, die den Job erledigen können (z.B. Sand) und genug Bewegung des Pferdes auf eben solchen Böden.

Oftmals gelingt dies nur begrenzt. Aber immerhin sehe ich immer wieder Hufe, bei denen auch 6 Wochen nach der letzten Bearbeitung manche Stellen der Hufwand immer noch schön abgerundet sind, ohne dass der Besitzer mit der Raspel nachgeholfen hat. Wer weniger Glück mit dem Stall oder der Bewegungsfreudigkeit seines Pferdes hat, kann zwischendurch ein wenig nachhelfen. Es kommt dabei nicht so sehr darauf an eine perfekte Rundung raspeln zu können. Den wichtigste Teil davon kann eigentlich jeder mit zwei gesunden Händen und einer Hufraspel schaffen. Aber Achtung: eine gute Raspel kann sehr scharf sein. Also immer Handschuhe tragen wenn man mit der Raspel arbeitet. Und auch mit Handschuhen aufpassen, dass man sich beim Raspeln der Außenwand nicht in die Hand raspelt, die den Huf hält. Das kann auch schon mal durch den Handschuh durch gehen (hab ich oft genug getestet).

Wie in der Theorie erklärt, kommt es vor allem darauf an, dass die Kräfte des Bodens (oder des Steins auf dem Boden) am äußeren Rand der Hufwand nicht senkrecht eintreten. Dazu braucht man keine perfekte Rundung. Es genügt schon eine einfache Schräge.

Mustang Roll Schritt 1

Dazu nimmt man den Huf so hoch, dass man die Sohle sieht, die Sohle etwa parallel zum Boden ist. Dann setzt man die Raspel schräg (etwa 45 Grad) an der Kante an und raspelt die Kante weg. War die Wand plan mit scharfer Kante außen, dann kann man die äußere Hälfte abraspeln ohne dass der Huf Schaden nehmen kann. Die innere Hälfte der Wand lässt man in Ruhe. Die Stellen, die bereits bzw. noch abgerundet sind, lässt man einfach wie sie sind.

Mustang Roll Schritt 2

Wenn man die Raspel dabei von oben schräg nach unten bewegt hat (gute Raspeln raspeln immer nur in eine Richtung), dann hat man am Ende einen Spänerand um den Huf herum. Nun nimmt man die feine Seite der Raspel und geht damit ohne Kraft an diesem Spänerand entlang um die Späne zu entfernen.

Mustang Roll Ergebnis

Das war schon alles! Ist zwar nicht ganz rund, erfüllt aber seinen Zweck. Und die restlichen kleinen Kanten macht geeigneter Boden bei der Bewegung der nächsten Stunden noch etwas runder (sorry Boxenpferde, ihr habt Pech und müsst mit den kleinen Kanten leben).

Der Hufpfleger wird nicht immer und überall mit 45 Grad Schräge arbeiten, sondern manche Stellen steiler oder flacher raspeln. Außerdem wird er unter Umständen an manchen Stellen mehr als die Hälfte der Wand abschrägen. Wer das macht, muss allerdings genau wissen was er tut. Wem das Wissen fehlt, der hält sich lieber an die einfachen Regeln von oben. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen alle Details zu erklären.

Die Mustang Roll bzw. die einfache Schräge sorgt übrigens dafür, dass der Abrollpunkt der Zehe weiter hinten ist, das Pferd also besser abrollen kann und die Sehnen geschont werden. Mehr dazu im nächsten Artikel "die Zehe".

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